Greifswald. „Ich weiß nicht was ich machen und weiter schreiben soll? Ich muss nur ganz verlachen, das schnöde Tun der Welt.“ Alina Tillenburg, die diese fast 400 Jahre alten Verse vorträgt, ist 18 Jahre alt. Sie ist die Jüngste hier im Kellergewölbe der Stadtbibliothek. Nur Eine war noch jünger. Sibylla Schwarz (1621-1638), die mit 17 bereits gestorbene Dichterin der Zeilen selbst. Um ihretwillen versammelten sich zirka 30 Literaturkenner und -genießer am Donnerstagabend und lauschten gebannt.

„Wenn wir ein junges Mädchen zum Leben erwecken wollen, dann kann da nicht ein 36-Jähriger Mann stehen und Gedichte vortragen“, dachte sich Jan Holten, als im Karl-Lappe-Verein die Idee zu diesem Abend um die Greifswalder Lyrikerin entstand. Als Vereins-Mitglied und Theaterpädagoge sollte er dann die Texte sprechen. Und so rekrutierte er Alina als Vortragspartnerin, die fünf Jahre bei ihm im Theaterjugendclub spielte. Ein gelungener Effekt.

Plötzlich bekamen die Worte, die eigentlich zu schwermütig sind für einen Teenager, ein echtes Gesicht. Und zwar keines mit den blassen Zügen eines Gelehrten im Frack, sondern das Gesicht einer jungen Frau — herzensklug, gebildet und mit Temperament. Über eine Welt, die „Laster hebt“ und „Tugend stürzt“, klagt sie in einer poetischen Form, die nicht nur Reime aneinander hämmert. „Es ist ganz erstaunlich, zu welchem Einfühlungsvermögen und welcher Ausdruckskraft Sibylla Schwarz fähig war“, erläutert Horst Langer, der zwischen den Rezitationen durch den Abend führt.

Derzeit erlebe die schon von Zeitgenossen als „pommersche Sappho“ geadelte Greifswalderin eine Renaissance. „Dennoch kennen wenige ihre Texte“, sagt Langer. Um das zu ändern, brachte der Karl-Lappe-Verein im März den Lyrikband „Gesang wider den Neid“ heraus. Dem Neid schreibt Sibylla darin immer wieder zerstörerische Kraft zu. Wäre da nicht die Hoffnung, die noch steht „wenn alles niederfällt“. Ihre Hoffnung, die die Hörer angesichts ihres frühen Todes heute noch anrührt. „Wer Gott vertraut in allen Dingen wird Welt, wird Neid, wird Tod bezwingen“, rezitieren Holten und Tillenburg gemeinsam. Das Werk zumindest ist gerade dabei, 400 Jahre Vergessenheit zu überwinden. chs

Ostsee-Zeitung, 16.11.2013